Leseprobe: Wenn der Krampus kommt
Die Leseprobe umfasst den ersten Abschnitt von “Bestraft”, der ersten Kurzgeschichte der Trilogie.
Viel Spaß beim Lesen!
Bestraft
Aus der silbernen Weihnachtsbaumkugel starren grau-grüne Augen zu mir zurück.
Außer mir wird dich nie jemand lieben.
Ich blinzle.
Die Augen in der Kugel blinzeln.
Du solltest froh sein, dass ich mit dir zusammen bin.
Meine Kehle zieht sich zusammen.
Ich versuche, zu schlucken.
Warum bist du so undankbar, Ella?
Meine Augen brennen.
Ihre Reflexion in der silbernen Kugel verschwimmt.
Klatsch.
Das Geräusch, mit dem Tobias’ Hand auf meine Wange trifft, ist so schrecklich laut in meiner Erinnerung. Es lässt mich zusammenzucken.
Plitsch.
Die Weihnachtsbaumkugel fällt klirrend zu Boden und reißt mich aus dem Sog meiner Erinnerungen. Seufzend senke ich den Blick und betrachte den kleinen, silbernen Scherbenhaufen zu meinen Füßen.
Scheiße.
Ich wollte doch nicht mehr an ihn denken.
Für einen kurzen Moment schließe ich die Augen, atme tief ein und wieder aus. Als ich meine Lider wieder öffne, schüttle ich den Kopf über mich selbst und setze mich in Bewegung, um eine Kehrschaufel aus der Küche zu holen.
Selbst hier, in meinem gemütlichen, kleinen Haus am Waldrand, kann ich meinen Ex-Freund einfach nicht vollständig aus meinen Gedanken verbannen. Als ich vor zwei Monaten hier eingezogen bin, war ich davon überzeugt, dass mit dem Ende unserer Beziehung alles besser werden würde. Ich wollte einen Neuanfang und den habe ich auch bekommen.
Nur etwas gründlicher, als ich erwartet hatte.
Zurück im Wohnzimmer gehe ich vor meinem Weihnachtsbaum in die Hocke und fege die Scherben von dem schönen Holzfußboden auf.
Der Baum ist ziemlich groß und ich bin stolz darauf, dass ich ihn ganz allein hier reingeschleppt und aufgestellt habe.
Nimm das, Tobias.
Mir entweicht ein sarkastisches Schnauben. Möglicherweise bin ich ein schlechter Mensch.
Nachdem ich die Scherben entsorgt und das Kehrblech weggebracht habe, schnappe ich mir die nächste Kugel und hänge sie dieses Mal erfolgreich zu den anderen. Neben mir auf dem Boden liegen außerdem lila Lametta, goldenes Schleifenband und blaue Lichterketten bereit. Ich bin nicht fertig mit diesem Baum, solange ich ihn noch anschauen kann, ohne dass meine Sehnerven streiken.
Ich freue mich auf Weihnachten.
Auch wenn ich es dieses Jahr ohne Tobias feiern werde.
Meine Eltern haben mich eingeladen, aber irgendwie fühle ich mich mit meinen 34 Jahren zu alt, um das Fest bei ihnen zu verbringen. Außerdem freue ich mich wirklich darauf, ein paar ruhige Tage allein in meinem neuen Zuhause zu genießen. Ich werde mir etwas Leckeres kochen, einen Wein aufmachen und auf dem Sofa neben dem prasselnden Kamin so lange 90er-Jahre-Romcoms gucken, bis mir die Augen zufallen. Es wird großartig.
Mit einem verstohlenen Stechen in meinem Brustkorb meldet sich mein schlechtes Gewissen, aber ich versuche, es so weit wie möglich von mir zu schieben.
Ich konnte nicht wissen, was passieren würde.
Es ist nicht meine Schuld.
Ich klettere auf den Stuhl, den ich neben den Baum gestellt habe, und verteile etwas von dem Lametta in der oberen Hälfte.
Als ich das Video gemacht habe, habe ich es für eine wirklich gute Idee gehalten. Ich war so verdammt wütend und ich wollte das alles einfach nicht klaglos hinnehmen.
Also habe ich mich selbst aufgenommen und einfach absolut alles erzählt. Dass er mich jahrelang immer und immer wieder klein gemacht hat. Mir einreden wollte, ich sei nichts wert ohne ihn. Dass er nach und nach mein Selbstbewusstsein untergraben hat, um mich leichter kontrollieren zu können. Dass er versucht hat, mich von meinen Freundinnen und meiner Familie zu isolieren, damit ich nur noch ihm und seinen Launen ausgeliefert war.
Irgendwann habe ich zum Glück erkannt, warum es mir immer schlechter ging. Ich habe verstanden, dass Tobias mich manipuliert hat, mir psychische Gewalt angetan hat. Ein paar Monate hat es noch gedauert, dann habe ich endlich den Mut gefunden, mich von ihm zu trennen.
Ich frage mich, warum ich nicht geahnt habe, dass er damit nicht einverstanden sein würde. Erst hat er versucht, an mein Mitleid und mein Gewissen zu appellieren. Aber ich bin stur geblieben und er wurde zornig. Seine Stimme wurde immer lauter, seine Körpersprache drohender.
Klatsch. So klang es, als er mir die erste Ohrfeige gegeben hat.
Für das, was ich gefühlt habe, als schließlich seine Faust auf meinen Mund getroffen ist, habe ich keine Worte.
Mein Atem geht flach, als ich von dem Stuhl klettere und mein Gesicht in einer der vielen Weihnachtsbaumkugeln finde. Vorsichtig hebe ich eine Hand an die rechte Seite meiner Oberlippe und betaste die feine Narbe, die dort zurückgelieben ist.
Ich weiß nicht mehr, wie ich aus der Wohnung entkommen bin. Ich weiß nur noch, dass ich danach vollständig bekleidet in der Dusche eines schäbigen Hotelzimmers gesessen und geweint habe, bis das Wasser kalt wurde.
Das alles habe ich am nächsten Morgen noch mit den Verletzungen im Gesicht der Kamera meines Handys erzählt. Es hat sich unglaublich erleichternd angefühlt. Und dann habe ich das Video auf meinem Social Media Profil hochgeladen. Ich wollte, dass andere Frauen aus meiner Geschichte lernen. Ich wollte, dass meine Freundinnen und meine Familienmitglieder verstehen, warum sie in den letzten Jahren so wenig von mir gehört haben. Aber irgendwie wollte ich am allermeisten, dass alle Leute in seinem Umfeld verstehen, was für ein furchtbarer Mensch Tobias ist.
Und das haben sie. Meine Güte, das haben sie wirklich.
Ich konnte nicht ahnen, dass mein Plan viel zu gut funktionieren würde.
Ich bin nicht schuld an dem, was danach geschehen ist.
Nachdenklich greife ich nach dem ersten Stück des goldenen Schleifenbands und binde es sorgfältig an einen der Zweige.
Ich bin nicht schuld.
Noch eine Schleife an einen anderen Zweig.
Ich bin nicht schuld daran, dass Tobias sich vor drei Wochen umgebracht hat.
Mein Video hat viel mehr Aufrufe bekommen, als ich erwartet hatte.
Sein gesamter Freundeskreis, sogar seine Familie, einfach alle waren schockiert von seinem Verhalten und haben sich von ihm abgewandt. Er hat auf einen Schlag allerdings nicht nur sein gesamtes soziales Umfeld verloren, nein. Als schließlich sein Arbeitgeber das Video gesehen hat, war er auch noch seinen Job los. Die ehemals gemeinsame Wohnung hätte er sich dann auch nicht mehr lange leisten können.
Er wurde gefunden, weil die Badewanne, in der er sich die Pulsadern aufgeschnitten hat, übergelaufen ist und die Nachbarn den Vermieter kontaktiert haben, als es bei ihnen von der Decke zu tropfen begann.
Ich war nicht auf seiner Beerdigung.
Und wenn ich wirklich ehrlich zu mir selbst bin, muss ich mir eingestehen, dass mir das alles nicht leid tut. Egal, wie ich es drehe und wende, ich finde, er hat es irgendwie verdient.
Ich bin mir ganz sicher, dass ich ein schlechter Mensch bin.
Gerade klettere ich erneut auf den Stuhl, um eine besonders große Schleife an die Spitze meines Weihnachtsbaums zu binden, da höre ich etwas Ungewöhnliches.
Etwas, das in der Stille, die mich und mein kleines Haus umgibt, eigentlich nicht zu hören sein sollte – aber da ist das Geräusch schon wieder.
Es klingt wie Schritte.
Die Stirn runzelnd steige ich zögernd wieder vom Stuhl hinunter.
Tatsächlich. Langsame, schwere Schritte.
Und zwar auf der hölzernen Terrasse, die durch eine Glastür direkt mit meinem Wohnzimmer verbunden ist.
Ist das vielleicht irgendein Tier aus dem Wald?
Seit ich hier wohne, hat sich noch keins von ihnen so nah an mein Haus herangetraut und naiverweise dachte ich, dass das auch so bleiben würde.
Genervt stoße ich Luft aus und wende mich der gläsernen Schiebetür zu. Draußen ist es so dunkel, dass ich aufgrund der Lichtspiegelung in der Scheibe nichts erkennen kann. Wunderbar.
Wenn da gerade ein Wildschwein meine schöne Terrasse anknabbert, werde ich wirklich sauer.
Ich drücke meine Stirn an die kalte Scheibe, schirme mein Gesicht auf beiden Seiten mit den Händen ab und sehe … nichts. Da ist absolut gar nichts.
Skeptisch ziehe ich meine Augenbrauen zusammen.
Plötzlich klopft es laut an der Haustür und ich zucke vor Schreck zusammen.
Als ich mich wieder gefangen habe, runzle ich irritiert die Stirn. Wer ist das denn bitte noch so spät am Abend? Ich will jetzt eigentlich niemanden sehen. Und warum benutzt die Person nicht einfach die Klingel?
Leicht verärgert starre ich die Tür an, als würde sich mein Problem dadurch von selbst lösen. Doch dann pocht es erneut, dieses Mal sogar noch lauter als zuvor.
Ich unterdrücke ein mürrisches Knurren, setze mich aber widerstrebend in Bewegung. Die Haustür befindet sich am anderen Ende des Raums, sie führt direkt ins Wohnzimmer. Bisher hat mir das ungewöhnliche Layout gut gefallen, doch jetzt wünschte ich mir, dass zwischen mir und dem lauten und zugegebenermaßen etwas unheimlichen Klopfen noch ein Flur liegen würde.
Gerade, als ich ungefähr die Mitte des Raums erreicht habe, bleibe ich abrupt stehen. Die Türklinke bewegt sich.
Keine Panik, Ella.
Du hast abgeschlossen, so wie immer.
Ich weiß es ganz genau und trotzdem schießt mein Puls in die Höhe.
Die Klinke senkt sich ein Mal, zwei Mal, drei Mal. Und dann beobachte ich völlig fassungslos, wie die Tür sich doch öffnet.
Das kann nicht sein.
Mein Mund klappt auf und trotzdem dringt kein Laut über meine sprachlosen Lippen. So leise wie möglich mache ich einen Schritt rückwärts, dann noch einen.
Die Haustür schwingt auf, aber da steht niemand.
„Was zum …“, murmle ich verwirrt.
Dann höre ich wieder etwas. Ein tiefes, durchdringendes Klingeln. Das ist nicht meine Türklingel, die klingt ganz anders. Fast wie … eine Kuhglocke?
Ob ich es wohl selbst merken würde, wenn ich verrückt werde?
Dieser Gedanke löst sich sofort in Luft auf, als zusammen mit der Glocke wieder diese schweren Schritte ertönen. Direkt vor meiner geöffneten Haustür.
Ich schlucke. Vorsichtshalber trete ich noch ein Stück zurück.
Es schält sich ein Umriss aus der nächtlichen Dunkelheit, nähert sich dem Eingang. Als er über die Schwelle tritt, seinen ersten schweren Schritt in mein Wohnzimmer setzt, ist mein Gehirn für den Bruchteil eines Augenblicks wie leergefegt.
Das muss ein Scherz sein.
Hat vielleicht doch einer von Tobias’ Freunden entschieden, dass ich für das Video eine Abreibung verdient habe?
Anders kann ich mir das nicht erklären.
Denn in meinem Wohnzimmer steht nun ein etwa zwei Meter großes, beinahe menschlich wirkendes Wesen mit langen Ziegenhörnern und einem grimmigen Ausdruck in seiner schrecklichen Fratze. Und es starrt mich an.
Als ich Luft hole, legt es langsam den Kopf schief.
Das kann einfach nicht wahr sein.
Sein gesamter Körper scheint mit einem grau-braunen Fell bewachsen zu sein, von seinem länglichen Gesicht bis hin zu seinen krallenartigen Füßen. Es ist in pelzige Lumpen gekleidet. An seinem Gürtel hängt tatsächlich eine Kuhglocke.
Mir entwischt ein ungläubiges Lachen.
Ich weiß, was diese Aufmachung darstellen soll. Aber ich habe nicht den leisesten Hauch einer Ahnung, wer sich so viel Mühe machen würde, um mir derart aufwendig verkleidet in meinem eigenen Zuhause solch einen Schrecken einzujagen.
Mein Blick fällt auf den kuhartigen Schwanz, der hinter seinem Rücken ausschlägt – wie auch immer er das anstellt. Dann auf die Rute aus zusammengebundenen Zweigen, die der Möchtegern-Krampus in seiner riesigen Pranke hält.
Sehr detailgetreu, das muss ich schon sagen.
„Verdammte Scheiße, was soll das?“, platzt es endlich mit aufgebrachter, aber fester Stimme aus mir heraus. „Das ist absolut nicht witzig! Wer auch immer du bist, was auch immer du dir dabei gedacht hast – verschwinde aus meinem Haus oder ich rufe die Polizei.“
Der Kerl besitzt die Frechheit, sogar noch einen weiteren Schritt auf mich zuzukommen.
„Verpiss dich, aber sofort!“, schreie ich mit allem, was ich habe. Angriff ist die beste Verteidigung.
Wer könnte das bloß –
„Du warst ein sehr böses Mädchen, Ella.“
Mein Herz setzt mehrere Schläge aus.
Seine Stimme ist so unglaublich tief, dass sie kaum mehr als ein düsteres Grollen ist, dessen Bass ich beinahe in meinem Brustkorb zu spüren glaube.
Aber es ist noch nicht einmal die Tatsache, dass ich niemanden kenne, der so spricht. Es ist die Art, wie sich sein pelziges Gesicht beim Reden bewegt. Das ist keine Maske.
Der durchdringende Blick, mit dem er mich fixiert, geht mir durch Mark und Bein.
„Nein“, hauche ich geschockt.
Er macht einen weiteren, bestimmten Schritt auf mich zu.
Das kann doch nicht … das kann doch unmöglich der echte Krampus sein.
Noch ein Schritt, begleitet vom Klingeln der massiven Glocke an seinem Gürtel und einem lässigen Schwingen der Rute.
Ich korrigiere mich. Angriff ist nicht die beste Verteidigung. Und ich habe absolut kein Interesse daran, herauszufinden, wie echt dieser Krampus ist.
Ohne auch nur eine einzige Sekunde zu verschwenden, wirble ich herum, zerre die Glastür auf und stürze hinaus auf die Terrasse. Bekleidet mit nichts weiter als meinem flauschigen rosa Jogginganzug und meinen Kuschelsocken an den Füßen renne ich, so schnell ich kann, durch meinen Garten und von dort, ohne zu zögern, hinein in den stockdunklen Wald.
