Leseprobe: When The Ashes Turn To Flames
Die Leseprobe startet bei Kapitel 1 und endet nach dem ersten Absatz von Kapitel 3. Der Prolog wurde bewusst ausgelassen, weil er eine deutliche und explizite Darstellung von sexualisierter Gewalt enthält.
Viele Spaß beim Lesen!
Kapitel 1
„Carelia, aufstehen! Du elende Schlafmütze verpasst noch die ganze Parade!“ Tildas warme Stimme bahnt sich unbarmherzig ihren Weg durch den wunderbar weichen Schleier des Schlafs bis in mein Bewusstsein. Mühsam stemme ich ein Augenlid nach dem anderen auf und blinzle gegen die grelle Sonne an, die durch das Fenster in unser kleines Zimmer hinein scheint.
„Ich gehe schon mal alleine vor. Beeil dich ein bisschen, sonst sind die Leute alle wieder weg, bevor du ankommst.“
Meine vor Müdigkeit brennenden Augen registrieren, wie Tilda im Türrahmen steht. Sie hat sich heute besonders ordentlich zurechtgemacht. Ihr etwas abgetragenes, grasgrünes Kleid ist sauber und glatt, darüber trägt sie einen gelben Gürtel. Ihre lockigen, schwarzen Haare sind hochgesteckt und sie hat sich einen fröhlichen Glanz auf ihre dunkelbraunen Wangen geschminkt. Sie sieht fantastisch aus. Das bedeutet, sie wittert heute gute Geschäfte.
Stöhnend setze ich mich auf und reibe meine Augen. „In Ordnung, ich mache ja schon. Bis später, Nervensäge.“
Während ich noch herzhaft gähne, zieht Tilda schon die Tür hinter sich zu. Ich ziehe geräuschvoll die Nase hoch und schwinge mich aus dem Bett. Um irgendwie wach zu werden, reiße ich das Fenster auf und werde von dem Lärm der Straße und den Strahlen der Frühlingssonne begrüßt. Seit wir den Avrel mit seinem launischen Wetter endlich hinter uns gelassen haben, werden die Tage allmählich immer angenehmer. Es ist warm heute. Und es ist wirklich schon spät am Vormittag.
Mein Magen gibt ein herzzerreißendes Knurren von sich und ich sehe mich seufzend im Zimmer um. Wo ist mein blassrotes Leinenkleid?
In meiner Hälfte des kleinen Zimmers herrscht wie immer das pure Chaos. Ich besitze nicht viel, aber das meiste davon habe ich großzügig über meinen Nachttisch, meinen Stuhl und die Hälfte unseres Tischs verteilt. Tildas Bett hingegen ist sorgfältig gemacht, ihr Nachttisch ist aufgeräumt und ihren Stuhl hat sie ordentlich an unseren Tisch gestellt. Wozu macht sie sich überhaupt die Mühe? Ich lächle müde.
Tilda ist zwei Jahre jünger als ich und trotzdem hat sie ihr Leben deutlich besser im Griff. Wenn ich so darüber nachdenke, komme ich aber auch ganz gut zurecht. Meine Mutter ist gestorben, als ich noch ziemlich jung war und von da an war ich auf mich allein gestellt. Mit siebzehn habe ich schließlich angefangen, als Prostituierte zu arbeiten. Das mache ich mittlerweile seit sieben Jahren und kann davon eigentlich ganz gut leben. Es ist zwar nicht immer einfach, aber am Ende finde ich es trotzdem noch besser als wie zuvor auf der Straße zu leben.
Ich habe mein Leinenkleid endlich zusammengeknüllt am Fußende meines Betts gefunden und schlüpfe hinein. Dann schlinge ich mir noch meinen eigenen gelben Gürtel um die Hüfte. Tilda hat recht, ich muss mich beeilen, damit ich die Parade und damit die vielen möglichen Freier nicht verpasse. Das kann ich mir nicht leisten. In meinem kleinen Lederbeutel befindet sich keine einzige Münze mehr und habe wirklich einen wahnsinnigen Kohldampf.
Eilig schlurfe ich zum Waschtisch und spritze mir Wasser aus der darauf stehenden Schüssel ins Gesicht. Als ich aufschaue, blickt mir aus dem Spiegel eine junge Frau mit immer noch leicht verquollenen bernsteinfarbenen Augen entgegen. Ich greife in das Glas neben der Wasserschüssel und schiebe mir eine kleine Portion Maidestöckel in den Mund. Während ich auf dem trockenen Zeug herumkaue, ärgere ich mich wie immer über den bitteren Geschmack. Allerdings würge ich trotzdem lieber jeden Morgen ein bisschen Verhütungskraut runter als von irgendeinem Freier schwanger zu werden.
Hastig kämme ich meine kupferroten, welligen Haare eher schlecht als recht mit den Fingern und lasse sie offen über meine Schultern fallen. Ich betrachte mich kurz im Spiegel, ich sah definitiv schon mal ordentlicher aus. Soll ich die Haare lieber hochbinden? Egal, keine Zeit.
Mit den flachen Händen klatsche ich noch schnell ein paar Mal gegen meine Wangen, um ihnen etwas mehr Farbe zu verleihen. Trotz meiner ansonsten eher blassen Haut sind sie zwar von Natur aus schon ziemlich rosig, aber aus irgendwelchen Gründen gefällt das den Männern und deswegen kann etwas mehr nicht schaden. Für gute Geschäfte.
Ich schnappe mir meinen Schlüssel aus dem Chaos auf meinem Nachttisch und husche aus der Tür. Den Flur entlang, die Treppe runter durch den Schankraum des Goldenen Gockels und raus auf die Straße. Anlässlich des Jahrestags der Befreiung von Cadonien herrscht ein ganz schöner Trubel in den Gassen. Ich quetsche mich durch die Menschen, bis ich mich endlich dem Marktplatz nähere. Die Jubelrufe sind nun schon deutlich zu hören, ich beeile mich noch etwas mehr und erreiche endlich den großen Platz. Genau in dem Moment kommen bereits die geschmückten Wagen in Sicht und biegen auf den für sie vorgesehenen Weg zwischen den Spalier stehenden Menschen ein.
Ich dränge mich mitten hinein in die Menge, um auch etwas von dem festlichen Umzug sehen zu können. Mein Blick wandert über die vorneweg marschierende Garde zum ersten Wagen. Dort sitzt natürlich prunkvoll ausstaffiert König Ortwin. Sein grauer Bart fällt im Sitzen fast bis auf seinen Bierbauch und verdeckt gleichzeitig zu wenig von seinem durch übermäßigen Alkoholgenuss rötlich aufgedunsenen Gesicht. Die langen Friedensjahre haben ihm augenscheinlich nicht besonders gutgetan. Vor siebenundzwanzig Jahren hat er siegreich den Krieg gegen Salinthraïl beendet und damit Cadonien befreit. Seither feiern wir in Cadenburg alljährlich die Heldentat unseres Königs.
Vor etwa vierzig Jahren hatte das Reich der Elfen die zu Cadonien gehörige Insel Casfork angegriffen und uns damit den Krieg erklärt. Der Grund dafür war wohl das reiche Silbervorkommen in den Bergen der Insel gewesen. Als Casfork schließlich endgültig in die Hände der Elfen fiel, ging König Ortwin selbst zum Angriff über und führte eine Armee gegen Galasthriël, die damalige Hauptstadt von Salinthraïl. Der Krieg zog sich über viele Jahre hin, aber letztendlich konnte die Stadt erobert werden, die seither als Galasburg bekannt ist und von einem Statthalter im Namen des Königs regiert wird. Die elfische Bevölkerung der Stadt war vor die Wahl gestellt worden, in Zukunft friedlich mit den Menschen zusammenzuleben oder die Stadt zu verlassen. Viele haben sich dafür entschieden, in ihrem gewohnten Umfeld zu bleiben. Diejenigen Elfen, die sich nicht ergeben wollten, wurden mit dem Rest des Elfenreichs bis an die Kalder zurückgedrängt, wo seitdem die Grenze zwischen Salinthraïl und Cadonien verläuft.
Mit einem Mal kommt etwas Bewegung in die Menge. Der Grund dafür ist ein Wagen, der zur Feier des Tages kostenlose Backwaren verteilt. Der himmlische Duft entlockt meinem leeren Magen ein lautes Knurren. Ich strecke meinen Arm so weit ich kann und angle mir zu meinem Entzücken tatsächlich ein frisches Brötchen. Innerlich juble ich, während ich es sofort gierig herunterschlinge. Schon geht es mir etwas besser, obwohl mein Hunger leider noch nicht völlig gestillt ist.
Wenn ich mir später etwas Warmes zu essen kaufen möchte, muss ich dringend anfangen, Geld zu verdienen. Also werde ich mich jetzt wohl oder übel mal an die Arbeit machen.
Ich lasse meinen Blick über die Menge schweifen und suche nach Männern, die Lust auf eine schnelle Nummer haben könnten. Ein Kerl mit einem stoppeligen Bart und hübschen grauen Augen sieht zu mir rüber. Ich zwinkere ihm zu und deute herausfordernd auf meinen Gürtel. Sofort läuft er knallrot an und sieht weg. Klasse, das wäre aber auch zu einfach gewesen. Ein Mann links von ihm ist auf mich aufmerksam geworden. Er schaut zu mir, leckt lüstern über seine schmuddeligen Lippen berührt sich dabei unterhalb seines speckigen Bauches. Angewidert rümpfe ich die Nase. Nein, danke.
Ich wende meinen Blick erst einmal wieder der Parade zu, die immer noch an uns vorbeizieht. Es nähert sich gerade wieder ein sehr aufwendig geschmückter Wagen. Neugierig versuche ich einen Blick auf die winkenden Personen zu erhaschen, die darauf mitfahren. Fast kann ich genug sehen, mir steht noch eine Frau im Weg. Ich schiebe mich an ihr vorbei, recke erwartungsvoll den Hals. Und dann stockt mir der Atem.
Der Schock überkommt mich wie eine gigantische, eisige Flutwelle. Ich bekomme kaum noch Luft. Mir bricht kalter Schweiß aus und mein Herz stottert.
Ich liege auf einem harten Holztisch. Eine glänzende Klinge fährt über meine Brust. Mehrere Hände drücken mich fest gegen die Tischplatte.
Für eine Nutte bist du erstaunlich eng.
Vor Panik vibriert mein gesamter Körper und ich spüre, wie ich schnell und unregelmäßig atme. Mein Sichtfeld beginnt, sich an den Rändern schwarz zu färben.
Immer noch schaue ich fassungslos zu dem Wagen. Blondes, schulterlanges Haar glänzt in der Sonne. Kalte blaue Augen lassen ihren Blick schweifen. Da steht er und lächelt arrogant auf die Menge herab.
Ich muss hier weg.
Kapitel 2
Im Goldenen Gockel ist um diese Uhrzeit normalerweise noch nicht viel los, die meisten Gäste kommen für gewöhnlich erst zu späterer Stunde. Da heute allerdings die Befreiung von Cadonien gefeiert wird, ist der Schankraum bereits am frühen Nachmittag gut gefüllt.
Ich habe glücklicherweise dennoch einen freien Platz in einer der hinteren Ecken ergattern können. Dort sitze ich nun und starre seit geraumer Zeit auf den kleinen, runden Tisch, der vor mir steht. Nervös knete ich meine Finger und versuche meinen Schrecken zu verdauen. Was gäbe ich jetzt für einen Becher Met. Doch leider habe ich den Marktplatz verlassen, bevor ich die Chance hatte, etwas Geld zu verdienen. Also keinen Met für mich. Immerhin lässt mich Berko, der Wirt, hier sitzen, ohne dass ich etwas bestellen muss. Das ist aber auch das Mindeste, immerhin wohne ich hier schon seit über sechs Jahren.
Als ich damals angefangen habe, einigermaßen regelmäßig Geld zu verdienen, bin ich das erste Mal hierher gekommen. Die gemütliche Atmosphäre hat mir sofort gefallen und Berko hatte wohl Mitleid mit mir. Er hat mich die ersten zwei Jahre etwas vergünstigt das winzige Einzelzimmer im Obergeschoss am Ende des Flurs mieten lassen. Bis ich bei der Arbeit auf der Straße Tilda kennengelernt habe und wir dann zusammen in ein etwas größeres Zimmer gezogen sind.
Sechs Jahre … und schon schießen meine Gedanken wieder zurück zu dem blonden Mann mit den kalten blauen Augen. Ich sehe ihn wieder vor mir, wie er von dem festlich dekorierten Wagen aus der Menschenmenge zuwinkt. Wie er sich keuchend über mich beugt, das Gesicht verzogen in einer Mischung aus Aggression und Lust, kleine Schweißperlen auf der Stirn.
Verdammt. Ich hatte wirklich geglaubt, dass mir der Vorfall von damals mittlerweile nicht mehr so viel ausmachen würde. Natürlich musste mein Körper direkt danach erst einmal heilen und natürlich habe ich während dieser Zeit tagelang nur im Bett gelegen und geweint. Aber dann musste ich ja auch wieder an die Arbeit gehen. Schließlich brauchte ich Geld für etwas zu essen und für die Miete. Und so habe ich die ganze Angelegenheit wohl einfach gründlich verdrängt. Das hat auch wirklich erstaunlich gut geklappt. Ich konnte schon ein paar Wochen später wieder ganz normal arbeiten, ohne ständig daran erinnert zu werden, was geschehen war. Anfangs hatte ich von Zeit zu Zeit noch Probleme, wenn mich manche Freier zu sehr an das Scheusal erinnert haben, aber damit habe ich schnell umzugehen gelernt. Sehr bald hat auch das aufgehört und ich habe überhaupt nicht mehr an diese furchtbare Nacht gedacht. Nur ein einziges Mal, da habe ich vor ein paar Jahren mit Tilda darüber gesprochen. Aber so etwas ist in unserem Beruf ja auch nichts allzu Ungewöhnliches, also haben wir einfach unseren Met getrunken, mit den Schultern gezuckt und uns nichts weiter dabei gedacht.
Jetzt merke ich, dass es so einfach wohl doch nicht geht. Was mir da passiert ist, habe ich offensichtlich noch nicht verarbeitet.
Was mir da passiert ist … ich wurde vergewaltigt. Selbst wenn ich nur darüber nachdenke, benutze ich das Wort nicht gern. Es klingt so endgültig. So real. Aber das ist es schließlich auch. Ich wurde vergewaltigt.
Immer noch knete ich die Finger in meinem Schoß, nehme dabei allmählich den Blick vom Tisch und schaue mich in dem passabel gefüllten Schankraum um. Die Parade scheint mittlerweile vorbei zu sein, denn es finden nach und nach immer mehr Menschen ihren Weg in die Taverne.
Und weil ich so schnell nicht aufgebe und zugegebenermaßen später trotz allem gerne etwas Geld für Met und Berkos leckeren Kartoffelstampf hätte, fange ich an, zu überlegen, wie ich jetzt am einfachsten an einen Freier kommen könnte. Zwar sieht der Wirt es nicht gerne, wenn ich in der Taverne Gäste anspreche, aber solange es nicht zu oft vorkommt und ich dabei nicht allzu auffällig vorgehe, hat er bisher immer beide Augen zugedrückt. Ich schaue rüber zu Berko, er steht hinter dem Tresen und zapft gerade einen großen Humpen Bier.
Nach wenigen Augenblicken reicht er den vollen Krug dem wartenden Gast über den Tresen. Während dieser sein Getränk bezahlt, bleibt mein Blick an ihm hängen. Ich stutze. Seine sonnengebräunte Haut hat einen violetten Unterton. Ein Elf, ungewöhnlich. Davon gibt es nicht viele in Cadenburg. Die meisten Elfen, die in Cadonien leben, wohnen eher im nördlichen Teil des Landes, der vor dem Krieg zu Salinthraïl gehört hat. Wahrscheinlich ist er wegen der Festlichkeiten hier.
Er trinkt einen großen Schluck von seinem Bier, lehnt sich mit dem Rücken an die Theke und sieht sich im Gastraum um, als sei er gerade erst hereingekommen. Dabei wirkt er trotz der vermutlich ungewohnten Umgebung kein bisschen unsicher. Sein trainierter Körper ist in dunkle Kleidung gehüllt, ein schwarzer Lederwams über einem schwarzen Hemd, dazu eine ebenso dunkle Stoffhose. An seinem Gürtel sind mehrere kleine Taschen befestigt sowie eine Lederscheide, in der ein Dolch steckt. Bei dem Anblick der dunklen, eingetrockneten Flecken, die dessen Griff verfärben, runzle ich meine Stirn.
Sein etwa schulterlanges, schwarzes Haar ist an den Seiten abrasiert und zu einem Zopf gebunden, die spitzen Elfenohren sind deutlich zu erkennen. Aus dem Zopf hat sich eine Strähne gelöst und fällt ihm in sein edles Gesicht. Er scheint sich daran nicht zu stören. Wieder trinkt er von seinem Bier.
Er wirkt, als würde er über irgendetwas nachdenken, die Brauen über seinen dunklen Augen leicht zusammengezogen. Langsam dreht er den Kopf in meine Richtung.
Allmählich dämmert mir, dass ich den Elfen schon ziemlich lange anstarre. Bevor ich wegschauen kann, hat mich sein durchdringender Blick jedoch bereits gefunden. Ein kaum merkliches Grinsen umspielt seine Mundwinkel, als er mich mustert und meinen gelben Gürtel sieht. Und schon stößt er sich vom Tresen ab und kommt mit selbstsicheren Schritten auf mich zu.
Nervöser Schweiß bildet sich an meinen Handflächen. Ich habe noch nie mit einem Elfen geschlafen und weiß auch sonst nicht viel über dieses Volk. Wenn man dem Geplapper in den Straßen Cadenburgs glauben mag, dann scheinen Elfen eher weniger vertrauenswürdig zu sein. Vielleicht ist das nur das Gerede von Menschen, die vor nicht einmal dreißig Jahren noch im Krieg gegen ebendiese Elfen gekämpft haben. Das Einzige, was ich mit Sicherheit weiß, ist etwas, das meine Mutter mir erzählt hat, als ich noch sehr klein war. Nachdem die Menschen zu Beginn des Kriegs Galasthriël angegriffen hatten, hat sich das Kriegsgeschehen schnell wieder nach Forkirk verlagert, wo meine Großmutter zu der Zeit lebte. Bei einem der elfischen Angriffe gelang es den gegnerischen Truppen schließlich, in die kleine Stadt einzudringen. Ein Soldat fand den Weg in das Häuschen, in dem meine Vorfahrin sich versteckt hielt. Etwa neun Monate später wurde meine Mutter geboren. Sie war ganz sicher kein Kind der Liebe.
Aber der Krieg ist seit siebenundzwanzig Jahren vorbei und hier und jetzt kommt ein Elf auf mich zu, an dessen Hüfte ein Dolch mit verdächtigen dunklen Flecken hängt. Ich muss eine Entscheidung treffen.
Ich bin durstig, sicher sehr bald wieder hungrig und einen nicht unwichtigen Teil der Arbeit hat der Elf schon für mich erledigt. Ich wollte einen Freier und da kommt nun einer von selber zu mir. Man sollte eine gute Gelegenheit beim Schopfe packen, denke ich und so einfach habe ich mich entschieden.
Die selbstbewussten Schritte stoppen direkt vor dem kleinen Tischchen, hinter dem ich sitze. Ich blicke zu ihm hinauf und setze mein vielfach erprobtes verführerisches Lächeln auf, das mir sogleich zu entgleisen droht, als ich ihn nun aus nächster Nähe sehen kann.
Noch nie haben mir vor einem Freier die Worte gefehlt.
Er schaut auf mich hinunter aus Augen, die so schwarz sind wie die tiefste Nacht, die Iriden umrandet von strahlenden, violetten Kränzen. Sein interessierter Blick ist auf mein Gesicht gerichtet. Der Elf ist faszinierend. Aber er ist auch nur ein Kunde.
Ich räuspere mich und bringe mein Lächeln wieder unter Kontrolle. „Hallo, Fremder. Du musst weit gereist sein, um heute an den Feierlichkeiten teilnehmen zu können.“
„So könnte man das sagen“, antwortet der Elf mit einem amüsierten Funkeln in den violett-schwarzen Augen. Seine Stimme ist tief und rau und trotzdem angenehm warm.
„Sechs Groschen“, biete ich ihm mit einem Zwinkern an.
Mit einem leichten Nicken macht er einen kleinen Schritt zurück und bedeutet mir mit einer Geste, von meinem Platz aufzustehen. Ich erhebe mich und nehme seine Hand, die er mir entgegen hält. Da ich nun neben ihm stehe, fällt mir erst auf, wie groß er ist. Er überragt mich um einen ganzen Kopf.
Mit meiner Hand in der seinen lotse ich ihn durch den Gastraum in die Richtung der Treppe, die zum oberen Stockwerk der Taverne führt.
***
Ich schließe die Tür hinter uns und schaue mich kurz in dem Zimmer um, als würde ich das Chaos, das ich heute Vormittag hier zurückgelassen habe, gerade zum ersten Mal sehen.
„Ich muss mich für die Unordnung entschuldigen. Normalerweise bediene ich Kunden nicht in meinem eigenen Zimmer, aber die Straßen sind heute wirklich sehr voll und ich denke nicht, dass wir irgendwo in der Nähe ein ruhiges Plätzchen gefunden hätten.“
Als Antwort zuckt er gelassen mit den Schultern und schaut auf mein ungemachtes Bett. „Ich vermute, das ist deins?“
Ich fühle mich ertappt und weiß genau, dass meine rosigen Wangen gerade noch etwas mehr Farbe bekommen. Nickend überbrücke ich die Distanz zwischen uns und dränge ihn mit meinem Körper näher an das Bett heran. Dann lege ich meine Hände auf seine Schultern, woraufhin er sich wie vorausgesehen auf die Kante setzt.
„Ich kann dir garantieren, es ist trotzdem stabil“, sage ich mit einem einstudierten Grinsen. Dabei merke ich erleichtert, wie ich endlich meine professionelle Rolle einnehme. Was jetzt folgen wird, hat nichts mit meinem persönlichen Vergnügen oder gar mit mir als Person zu tun.
Erwartungsvoll lehnt er sich zurück, sodass er sich mit den Händen hinter seinem Rücken auf der Matratze abstützt, und deutet mit seinem Kinn herausfordernd auf seine Mitte.
Zeit zu arbeiten. Ich gehe vor ihm auf die Knie, geschickt öffne ich die Schnalle seines Gürtels. Lautstark fällt der schwere Ledergurt mitsamt den daran hängenden Taschen und dem befleckten Dolch auf mein Bett. Ich schlucke. Dann öffne ich mit geübten Händen seine Hose und befreie sein bereits erregtes Glied. Mehrmals streiche ich mit meinen Händen den Schaft entlang, bevor ich schließlich meine Lippen darum schließe und ihn in meinen Mund aufnehme. Ich höre sein zufriedenes Ausatmen als Reaktion auf meine kundigen Berührungen.
Doch mit sechs Groschen kauft er mehr als nur das und darum gebe ich ihn wieder frei und richte mich vor ihm auf. Ich lege meinen Gürtel ab und streife mein Kleid über meinen Kopf. Er beobachtet meine Bewegungen und lässt seinen Blick anerkennend über meinen nackten Körper wandern, bevor er seinen Wams ablegt und dann schließlich auch das Hemd auszieht.
Sein Oberkörper ist tatsächlich so gut in Form, wie ich es vermutet hatte. Aber das tut nichts zur Sache, er ist ein Freier und erwartet meine Dienste. Also setze ich mich rittlings auf seinen Schoß, verteile etwas Speichel auf meinen Fingern und befeuchte damit meinen Eingang, bevor ich mich langsam auf ihn hinabsenke. Während ich mich auf und ab bewege, umfängt mich sein Geruch. Ich rieche Leder, ein wenig Schweiß, Holz – und Bier.
Jungs, dreht sie um!
Mein Gesicht an einer abgenutzten Tischplatte.
Mein Körper bewegt sich durch die jahrelange Routine wie von allein weiter. Auf und ab. Auf und ab.
Kräftige Hände umfassen meine Hüfte und drehen mich auf den Rücken. Der gutaussehende Elf ist über mir, ich spüre rhythmische Stöße. Er keucht, wird immer schneller. Nur noch ein bisschen. Dann bäumt er sich stöhnend ein letztes Mal auf, bevor er über mir zusammenbricht.
Endlich.
Kapitel 3
Nachdem er zum Höhepunkt gekommen ist, zieht der Elf sich aus mir zurück und rollt sich gleichzeitig mit einem befriedigten Schnaufen von mir herunter.
Was ist da gerade passiert?
Ich bin noch erleichterter als sonst, dass es vorbei ist. Und ich würde gerne verstehen, was da eben in meinem Kopf vor sich gegangen ist.
Ich bleibe noch einen Moment an Ort und Stelle auf meinem Rücken liegen. Hat es vielleicht etwas damit zu tun, dass ich den Mann von damals vorhin bei der Parade wiedergesehen habe? Schließlich ist bis heute immer alles in Ordnung gewesen, wenn ich meine Dienste verrichtet habe. Und ich muss zugeben, ihn ohne Vorwarnung auf dem Wagen stehen zu sehen, hat mir einen gehörigen Schrecken eingejagt. Vermutlich hat der Anblick wieder an die Oberfläche geholt, was ich so sorgfältig in den Tiefen meines Unterbewusstseins vergraben hatte. Wird das jetzt immer so ablaufen? Wird jede Kleinigkeit, die mich an die Vergewaltigung erinnert, mich gedanklich wieder dorthin zurückbringen? Werde ich so überhaupt noch arbeiten können? Was soll jetzt nur aus mir werden? Warum hat er mir das angetan?
Leise seufzend richte ich mich auf und angle nach meinem Kleid. Der Elf hat sich mittlerweile ebenfalls wieder sein Hemd übergeworfen. Während er vom Bett aufsteht, wirft er mir einen Blick zu, den ich nicht deuten kann. Seine Augenbrauen sind auf die gleiche Weise zusammengezogen wie vorhin, als er mich im Gastraum entdeckt hat.
Ich reiße mich zusammen, räuspere mich und setze wieder mein erprobtes Lächeln auf. „Was führt dich eigentlich nach Cadenburg? Du bist doch nicht wirklich den ganzen Weg in den Süden gereist, um dir die Parade anzuschauen. Bist du beruflich in der Stadt?“
Nicht gerade elegant, aber durchaus passabel für ein kleines Gespräch zum Abschluss. Die meisten Freier ziehen das der unangenehmen Stille vor, die entsteht, während sich beide nach dem Akt wieder ankleiden und sich nichts mehr zu sagen haben.
Der Elf scheint jedoch nicht zu dieser Art von Männern zu gehören. Seine Lippen werden schmal, er atmet geräuschvoll durch die Nase aus.
„So ungefähr.“
Ups. Ich versuche, schnell das Thema zu wechseln. „Dann musst du jetzt sicher wieder zurück in den Norden? Nach Galasburg?“
Er gibt ein zustimmendes Brummen von sich. Dann bleibt er kurz still, die Kiefermuskeln mahlen angespannt, er wirkt unzufrieden.
„An diesem Fest würde ich nie freiwillig teilnehmen. Was ihr hier feiert, ist nicht die Befreiung von Cadonien, sondern der Überfall auf Galasthriël und die unrechtmäßige Annexion von salinthraïlischem Gebiet. Große Teile der elfischen Bevölkerung wurden entwurzelt, Kinder wurden ihren Eltern entrissen und um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, regiert jetzt dieser gierige Eldret unsere ehemals prachtvolle Hauptstadt und nennt sie Galasburg.“
Das letzte Wort klingt aus seinem Mund wie eine Beleidigung. Mit grimmiger Miene hantiert er an der Schnalle seines Gürtels herum.
„Entschuldige bitte, ich wollte nicht –“ , setze ich an, aber er scheint noch nicht fertig zu sein.
„Sein Sohn ist genauso unausstehlich wie er. Wie arrogant er vorhin auf dem Wagen stand und den Leuten gewunken hat, als wäre er König Nathinaël höchstpersönlich, in seinem albernen roten Samtwams und mit seinen peinlich genau frisierten blonden Haaren. Man erzählt sich Dinge über den Kerl …“
Doch ich höre schon nicht mehr zu.
Peinlich genau frisierte blonde Haare.
Wie arrogant er vorhin auf dem Wagen stand und den Leuten gewunken hat.
Ich merke, wie mir mein Lächeln endgültig von den Lippen rutscht. Entgeistert starre ich den Elfen an.
„Der Sohn des Statthalters“, falle ich ihm mit krächzender Stimme ins Wort, „wie heißt er?“
Irritiert von meinem plötzlichen Interesse hält er inne und schaut mich an.
„Edrik. Warum willst du das wissen?“
„Edrik“, wiederhole ich leise und ignoriere seine Frage.
Der Name hallt in meinem Kopf nach. Edrik.
Und plötzlich weiß ich mit absoluter Bestimmtheit, dass ich mehr über dieses widerliche Schwein wissen muss. Ich muss alles über ihn herausfinden. Wenn ich erst einmal genau weiß, wer er ist, macht vielleicht alles Sinn. Vielleicht weiß ich dann, warum er mir das angetan hat. Und vielleicht weiß ich dann auch, wie ich mit meinem Leben weitermachen soll.
Der Elf schüttelt den Kopf und widmet sich wieder seinem Gürtel. Er öffnet eine der kleinen Taschen, die daran befestigt sind, und sucht nach den Münzen, die er mir schuldet.
„Nimm mich mit.“
Er hält mitten in der Bewegung inne und sieht mir direkt ins Gesicht. Die violetten Kränze in seinen Augen funkeln amüsiert, sein Gesicht ist jedoch ernst.
„Wie bitte?“
„Nimm mich mit nach Galasburg.“
„Ausgeschlossen.“ Mit Bestimmtheit schüttelt er den Kopf und fischt einige Münzen aus dem Täschchen.
„Ich muss nach Galasburg. Nimm mich mit. Du musst mich jetzt auch nicht bezahlen“, versuche ich es erneut.
„Nein.“ Er legt die vereinbarten sechs Groschen auf meinen überfüllten Nachttisch und wendet sich zum Gehen.
Wut kocht in mir hoch. Ich muss mehr über diesen Edrik in Erfahrung bringen, egal wie. Ich muss nach Galasburg gelangen und ihn dort finden. Und dieser verdammte Elf wird mich dorthin mitnehmen, ob er will oder nicht.
Endlich stehe ich vom Bett auf, drücke meinen Rücken durch und mache mehrere Schritte auf den Elfen zu, bis ich direkt vor ihm stehe. Er bleibt ebenfalls stehen und dreht sich wieder zu mir um. Ich recke ihm trotzig mein Gesicht entgegen. Mich interessiert nicht, dass er mich um mindestens einen Kopf überragt. Mich interessiert nicht, dass seine Augen mittlerweile nicht mehr amüsiert, sondern grimmig funkeln. Mich interessiert nicht einmal mehr der fleckige Dolch an seinem Gürtel. Eine erbitterte Entschlossenheit hat sich in mir breitgemacht.
„Du wirst mich nach Galasburg bringen. Wenn du mich nicht freiwillig mitnimmst, werde ich dir hinterherschleichen. Ich habe kein Geld für eine Kutsche und alleine ist es zu gefährlich. Du bist die einzige Möglichkeit.“
Meine Stimme zittert vor mühsam zurückgehaltenen Emotionen. Ich schaue dem Elfen wütend direkt in die Augen. Er weiß, dass ich ihm meine Gründe nicht erklären werde, das kann ich an seinem Blick erkennen. Und dann entdecke ich noch etwas anderes darin. Resignation.
Ich unterdrücke das Grinsen, das an meinen Lippen zupfen will. Er seufzt leise.
Zwischen zusammengebissenen Zähnen presst er hervor: „Morgen bei Sonnenaufgang am nördlichen Stadttor. Die Reise ist lang und unbequem. Nimm mit, was du dafür brauchst. Und sei pünktlich.“
Dieses Mal kann ich das zufriedene Lächeln nicht komplett unterdrücken, verräterisch schieben sich meine Mundwinkel ein winziges Stück nach oben. Ich strecke ihm meine geöffnete Hand zum Schütteln entgegen.
„Carelia.“
Ein kurzer Moment verstreicht. Er hebt eine Augenbraue und schickt seinen Blick von meinem Gesicht zu meiner wartenden Hand und wieder zurück. Dann schlägt er endlich ein.
„Varynn.“
